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An ein Ankommen ist nicht zu denken

Benjamin Heisenberg entwirft in „Der Räuber“ eine existenzielle Grenzfigur

Rettenberger ist auf Bewährung. Nach Jahren im Gefängnis wird er in die Freiheit entlassen. Jetzt steht er zwar unter Beobachtung, doch was er vorhat erscheint zunächst harmlos. Rettenberger läuft. Schon in der Haft hat er intensiv trainiert, nun hat er endlich Auslauf. Er kann endlos durch die Landschaft laufen, manchmal nimmt Rettenberger auch an einem Wettbewerb teil. Zum großen Erstaunen der Öffentlichkeit wird er bester Österreicher beim Wien-Marathon – ein Mann, mit dem niemand gerechnet hat, von dem niemand Genaueres weiß, vielleicht nicht einmal er selbst.

Wenn Rettenberger sich den Pulsmesser umschnürt, bevor er täglich losläuft, dann wirkt das auch ein wenig, als würde er seine Identität messen. Ein Dasein, bestehend aus Fitnesswerten und nicht messbaren Veränderungen, die in seinem Körper vorgehen wenn Endorphine ausgeschüttet werden. Rettenberger ist abhängig – abhängig von diesem Hochgefühl, das ihm ganz alleine gehört. Wenn er nicht unterwegs ist, wenn er mit jemandem spricht, einen Behördengang erledigt, dann wirkt er teilnahmslos. Ganz so, als würde er sich selbst nicht viel angehen.

Das dunkle Geheimnis, das Rettenberger nicht zuletzt vor seinem Bewährungshelfer verbirgt, hat mit dem Laufen zu tun: Er überfällt Banken, einmal gleich drei an einem Tag, und flüchtet in der Regel zu Fuß. Niemand ist schnell genug um ihn zu stellen. Die Beute verstaut er, ohne sich weiter darum zu kümmern. Das Verbrechen ist für den Räuber nur ein Spiel. Eine Herausforderung, die er sucht, und bei der er wie beim Laufen seine Leistung ständig steigern muss.

Aber auch ein Einzelgänger wie Rettenberger ist noch nicht ganz vor dem Leben davongelaufen. Auf dem Arbeitsamt, wo er sich pflichtgemäß melden muss, trifft er eine frühere Bekannte wieder. Erika lebt in einer großen Wohnung. Sie scheint ohne große Erwartungen zu sein, als sie Rettenberger ein Zimmer überlässt. Und nur deswegen lässt er sich darauf ein – er taucht bei ihr unter. Die Bewährung hat er nicht bestanden. Er hat sich nicht eingegliedert, sondern nur eine Tarnung für seine unangepasste Existenz gesucht.

Irgendwann zählt auch die Polizei die Indizien richtig zusammen, und von diesem Moment an ist Rettenberger der meistgesuchte Mann in Österreich. Zu Fuß und mit gestohlenen Fluchtautos schlägt er sich durch. Die freie Wildbahn ist sein Ziel, aber genau genommen kann einer wie Rettenberger kein Ziel haben. Denn das Prinzip seines Lebens geht über den Marathon noch hinaus: Reine, beständige Bewegung ist der Extremzustand, auf den der Räuber zuläuft. Niemals innehalten, sicher nicht im Gewahrsam der Polizei, aber auch nicht in den Armen von Erika. Weiter, immer weiter führt ihn seine Flucht, an ein Ankommen ist nicht zu denken. Der Räuber ist eine paradoxe Figur, er lebt ein unmögliches Leben, er ist der Anti-Sisyphos.

 

 

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